Was Pferde glücklich macht

Bed & Breakfast für Ponies? So einfach funktioniert (gute) Pferdehaltung bei weitem nicht – insbesondere dann, wenn man sich um ihre Bedürfnisse bemüht und den sensiblen Vierbeinern mehr als nur ein Dach über dem Schopf bieten möchte…

Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich schon über Artikeln und Büchern gebrütet habe, in Gruppen diskutiert, Pläne gezeichnet, geändert und wieder zerissen habe im vergangenen Jahr. Zu Recht – denn es sind viele Aspekte, die bei der modernen Pferdehaltung Berücksichtigung finden können. Und das macht die Sache für mich so enorm spannend!

Wenn man zurück blickt, wurden Pferde durch den Menschen in die unterschiedlichsten Behausungen gesteckt. Dabei fing alles ursprünglich mit naturnaher Herdenhaltung an, bis wir beschlossen, dass Anbindehaltung in Ständern und später Einzelboxen viel bequemer für uns waren. Das Pferd als stets verfügbares (Arbeits)Tier passte offenbar bestens in „unser“ Bild vom Pferd. Dass damit aber seine wichtigsten Grundbedürfnisse teilweise oder gar komplett vergessen wurden, spielte viel zu lange eine untergeordnete Rolle.

Etwas Stroh, Heu und Wasser in einer geschlossenen Innenbox sind allerhöchstens für den Reiter bequem. Denn heute weiß man, dass neben Nahrung auch Licht, Luft, Sozialkontakt und Bewegung unabdingbar sind, um Pferde körperlich und seelisch gesund zu halten. Wer glaubt, seinem Pferd mit 3 Rationen Heu, täglichem Koppelgang in der Gruppe und einer Stunde Reiten ein perfektes Leben zu bieten, liegt dennoch falsch. Denn auch das ist nur eine Facette von dem, was man den Tieren für ihr Glück bieten kann. Und sollte.

Betrachtet man die Bedürfnisse der Pferde als Pyramide, bildet ein wichtiger Punkt die Basis: Sicherheit. In der Natur leben Pferde über lange Zeit in festen Herdenverbänden. Wechsel innerhalb der Gruppe treten selten auf – außer junge Hengste verlassen die Famile, um einen Junggesellenverband zu gründen, ein Anwärter vertreibt den Althengst oder es werden neue Stuten hinzu geworben. Ansonsten wächst die Herde lediglich durch die Geburt der Fohlen, oder wird kleiner durch das Ableben eines Tieres. Domestizierte Pferde hingegen müssen sich den Launen und Vorstellungen „ihres“ Menschen unterwerfen und erleben so zum Teil sehr häufige Wechsel durch Umzüge oder Änderungen in der Gruppenzusammensetzung. Bei jeder Veränderung müssen die Tiere erst wieder ihren Platz in der Rangordnung finden – ein Prozess, der sechs Monate(!) und länger dauern kann. Wie soll ein Pferd da ein Gefühl von Sicherheit entwickeln? Und: Was bedeutet das für sein Befinden, wenn alle anderen Stufen der Pyramide hierauf aufbauen?

Essen und Trinken bilden die nächste Ebene: Etwa 16 Stunden fressen wild lebende Pferde, meist während sie sich langsam im Schritt fortbewegen. Dabei nehmen sie in erster Linie (Steppen)Gras auf, lieben es aber genau so Blätter, Rinde, Wurzeln, Samen und Früchte zu knabbern. Ein Speiseplan, der in den meisten Ställen weder von der Art, noch der Dauer der Mahlzeiten erfüllt wird. Ganz davon zu schweigen, dass die Aufnahme von Nahrung und Wasser in der Natur eine sehr soziale Angelegenheit ist und nahezu ausnahmslos in der Gruppe erfolgt.

Auch die Körperpflege wird oft damit abgetan, dass unsere Stallbewohner ja in der Regel täglich vor dem Reiten gestriegelt und gebürstet werden. Aber genau so wie wir beim Putzen Kontakt und Nähe zu unserem Pferd aufbauen, brauchen die Tiere diesen Austausch von Pflege- und Schmuseeinheiten auch untereinander und bilden (wenn man ihnen die Möglichkeit dazu bietet) oft enge Freundschaften mit einem oder mehreren Artgenossen, die ein Leben lang anhalten können. Auch Gelegenheiten zum Schubbern (Baumstämme, Bürsten, Noppen…) oder Wälzen (v.a. Sand) sind höchst Willkommen für eine ausgiebige Körperpflege, die ganz ohne die Hilfe des Menschen auskommt.

Ruhen und Schlafen sind Bedürfnisse, die zum Einen eng an das Gefühl von Sicherheit geknüpft sind, zum Anderen an die Umgebung: Als Fluchttiere brauchen Pferde stets eine gute Rundum-Sicht um, auch während sie dösen, Gefahren schnell bemerken zu können. Im Idealfall passt ein Herdenmitglied auf, während die anderen ruhen. Diese „Wächterfunktion“ kann in Einzelhaltung schlichtweg nicht erfüllt werden. Und selbst beim Koppelgang in der Gruppe bietet nicht jedes Gelände die Möglichkeit alles im Blick zu behalten. Zum Liegen und den damit verknüpften Tiefschlaf ist darüber hinaus der Untergrund entscheidend und eine ausreichende Fläche. Denn nur, wenn sie sich von Zeit zu Zeit auf einer weichen, verformbaren Unterlage komplett ausstrecken und seitlich ablegen können, kommen Pferde erst wirklich zur Ruhe.

Als Lauftiere haben unsere Vierbeiner außerdem einen ausgeprägten Bewegungsdrang. Wenn sie könnten, würden sie täglich viele Kilometer in abwechslungsreichem Gelände zurücklegen, verschiedene Untergründe überqueren und sowohl altbekannten Pfaden folgen, als auch neue Gebiete erkunden. Auslauf auf einem befestigten Quadrat ist also alles andere als das, was ihrer Natur entspricht. Dennoch liegt ihnen ein gewisses Territorialverhalten im Blut, das selbst wild lebende Pferde an ein Arreal bindet. Hier finden sie alles, was sie brauchen – vor allem die nötige Sicherheit. Und es bietet ihnen Wahlmöglichkeiten für ein abwechslungsreiches Herdenleben. Das Entdecken der umgebenden Umwelt durch Erkundungsverhalten und Mut trainiert  Problemlösungsvermögen und Selbstbewusstsein.

Die Frage lautet also: Welche von diesen Dingen fördert ein Leben in der Box?

Was ich mit diesem langen Blog eigentlich sagen will: Allein wenn wir unsere Augen ein wenig für das öffnen, was wir täglich im Stall sehen, sollte uns klar sein, dass es für Pferdeglück mehr braucht als das, was immernoch als „artgerecht“ gilt. Und spätestens wenn wir uns mit dem aktuellen, wissenschaftlichen Kenntnisstand befassen, sollte uns das einen kräftigen Huftritt als Denkanstoß versetzen. Ich für meinen Teil hab schon jede Menge Abdrücke davon getragen und bin froh über jeden einzelnen davon. Verbessern kann man immer! Unser Projekt „Traumstall“ ist deshalb eine unendliche Geschichte. Ich werde hier noch jede Menge Kapitel daraus erzählen…

(Die Betrachtungen zur Bedürfnispyramide der Pferde basieren auf Erkenntnissen des „Natural Animal Centre“ (NAC), einem Zentrum für angewandte Wissenschaft im Hinblick auf das Verhalten von Tieren. Foto: Jenny Pohl)

 

 

 

 

 

Mythos Zugluft

Ich habe lange überlegt, mit welchem Thema ich meinen ersten Blog beginnen soll. Ich starte am besten tatsächlich mit dem Anfang: Als wir unseren Hof übernommen haben, wurde zuerst ein bestehender Stalltrakt zu fünf Paddockboxen umgebaut. Neben unseren eigenen Pferden wollten wir dort bereits die ersten Einsteller aufnehmen und bald schon kamen Interessenten zur Besichtigung. Ich weiß noch, wie stolz ich war auf die offene Gestaltung mit viel Luft und Licht, die Südausrichtung und die Möglichkeit für die Pferde auch nach den ausgiebigen Koppelgängen jederzeit selbst zu entscheiden, wann sie sich draußen aufhalten möchten.

An einen Offenstall war für uns zu derzeit noch nicht zu denken – unser Nasir war noch Hengst, es war Winter und vor dem Frühjahr konnten wir ihn nicht mit seinen Stuten gemeinsam halten. Denn dann hätte er sie zu früh gedeckt und die Fohlen würden in der kalten Jahreshälfte geboren werden. Daher waren die angrenzenden Boxen mit Sichtkontakt und „Sicherheitsabstand“ zu der Zeit optimal – über unsere Hengsthaltung werde ich in einem späteren Beitrag noch berichten.

Aber zunächst zurück zu unseren Paddockboxen: Da standen sie also – ohne Türen, Streifenvorhänge oder ähnliches. Genau so wie ich es mir gewünscht hatte. Bei den ersten Interessenten hielt sich  die Begeisterung jedoch in Grenzen. Die Boxengröße, das dicke „Strohnest“, die beheizten Tränken und die Paddocks an sich kamen gut an. Allerdings fanden sie den Stall insgesamt zu „zugig“. Ihre Pferde waren bisher in Innenboxen untergebracht und man müsse doch dafür sorgen, dass man bei schlechtem Wetter rundum Türen schließen kann. Mit rundum war die Stallgasse UND der Zugang zum Paddock gemeint. Einen Unterschied zwischen (erwünschter) Luftbewegung und Zugluft schien die Dame nicht zu kennen – denn genau darauf ist dieser Stalltrakt ausgelegt.

Im Grunde zählt die Luft zu den wichtigsten Faktoren für das Stallklima: Sie soll in Bewegung sein (über 0,2m/s), eine angemessene Feuchte (von 60 bis 80%) aufweisen, ihre Temperatur im Innenraum soll der Außentemperatur folgen, sie soll nach Möglichkeit keine Schadgase enthalten und staubfrei sein. Um dies zu erreichen, ist eine offene Raumgestaltung sehr förderlich. Dank ihr kann die Luft im Stall (zwischen Gasse und Boxen, aber auch den Boxen untereinander) zirkulieren und sich im Idealfall mit der Außenluft austauschen. Schadgase haben da in Verbindung mit einer guten Stallhygiene kaum eine Chance. Selbst Staub ist durch den hohen Gehalt an frischer Außenluft nur sehr gering konzentriert: Gerade mal 150 zu 700.000(!) Partikeln in schlechter Stallluft im Innenraum sprechen für sich. Und das ist vor allem für die sensiblen Atemorgane der Pferde spürbar. Die Angst vor Zug jedoch ist in diesem Fall völlig unbegründet – denn mit flächiger Luftbewegung hat das im Grunde nichts zu tun.

Wenn man noch etwas ins Detail geht, liegt nahe, dass eine offene Form der Paddockboxenhaltung (ebenso wie die Offenstall- oder Robusthaltung) sogar die gesunde, natürliche Thermoregulation beim Pferd anregt: Denn Temperaturschwankungen und jegliche Formen der Witterung, die auf Fell und Haut auftreffen, bringen den Organismus dazu, seinen Wärmehaushalt anzupassen. Wind und Wetter stellen somit (in der Regel) für die Tiere  keinerlei Probleme dar.

Die gefürchtete Zugluft hingegen, kann durchaus ein Risiko sein und beispielsweise Muskelverspannungen hervorrufen. Dabei handelt es sich um einen Luftstrom, der kälter und schneller ist als seine Umgebung und der nicht flächig, sondern nur auf einzelne Partien des Körpers auftrifft. Ursache kann beispielsweise eine kleine Öffnung, wie etwa ein Spalt oder ein kaputtes Fenster in einer Innenbox sein. Insbesondere wenn die Fläche sehr gering ist, auf der die Zugluft auftrifft, kann die Thermoregulation nicht aktiviert werden. Zum Glück ist dies eher unwahrscheinlich bei dieser Form von Stall…

Wenn ich mir nach gut einem Jahr unsere Pferde in der Gasse so ansehe, glaube ich, wir haben alles richtig gemacht mit diesem Konzept: offen, hell, freier Himmel und das tolle Gefühl zu wissen, dass die Tiere bei jedem Wetter selbst entscheiden, ob sie ihre Nüstern in die Sonne oder ihren Hintern in den Wind halten möchten.

(Quelle zu den Zahlen im Absatz zum Thema Stallluft: Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten; Foto: Eva Stockmann)