50 Shades of Hay

Wenn mich eine Sache im Rahmen der Pferdehaltung beschäftigt, ist das (neben dem Konzept Paddock Trail) definitiv die Heufütterung:  Heu ist und bleibt der wichtigste Nahrungsbestandteil domestizierter Pferde und bildet damit auch die Grundlage einer gesunden Pferdeernährung. Täglich dieselbe Mahlzeit auf dem Speiseplan stört die Vierbeiner nicht im Geringsten. In Sachen Fütterung, also der Art das Heu anzubieten, freuen sie sich dennoch über Abwechslung. Ich möchte im heutigen Blog ein paar Möglichkeiten vorstellen, die wir zum Teil selbst am Birkenhof Wölling praktizieren, aber auch einige zusätzliche Anregungen liefern, die ich im World Wide Web entdeckt habe…

Doch zunächst ein paar Basisfakten:

Heu ist als faserreiches Raufutter ideal für die Verdauung von Pferden und gehört täglich in ausreichender Menge auf den Speiseplan. Mindestens(!) 1,5kg Heu pro 100kg Körpergewicht sollten einem erwachsenen Pferd täglich in mehreren Rationen zur Verfügung stehen – besser noch rund um die Uhr. Fresspausen sollten 4 Stunden nicht überschreiten. Der Grund liegt in der Anatomie des Magens:

Magengeschwüre: Wenn die Spucke weg bleibt

Vereinfacht dargestellt besteht der Pferdemagen aus zwei Abschnitten, einem drüsenlosen und einem drüsenhaltigen Teil. Der drüsenhaltige Teil ist von einer Schutzschicht überzogen, die vor den Verdauungssekreten schützt. Der andere Teil enthält keine Drüsen und keine Schutzschicht.

Nun ist der Magen beim Pferd ist auf eine kontinuierliche Futteraufnahme eingestellt und produziert deswegen ständig Säure. Der Speichel wirkt dem aufgrund seiner basischen Zusammensetzung entgegen. Wird keine Nahrung (insbesondere faserreiches Raufutter) aufgenommen, wird auch wenig Speichel produziert. Der Magensäurespiegel steigt an und der ungeschützte, drüsenlose Abschnitt wird angegriffen. Die Folge können Koliken und Magengeschwüre sein. Ziel ist es deshalb, rund um die Uhr Anreize zum Kauen zu liefern. Wer mehr zum Thema lesen möchte, wird bei den Pferdefreunden im Blog fündig: Hier geht es um Fresspausen und was sie für die Tiere bedeuten.

All you can eat: Die Lösung für alle?

In der Natur fressen Pferde viele Stunden über den Tag verteilt während sie sich langsam fortbewegen. Aus diesem Grund überlassen wir bei uns am Hof den Pferden selbst, wann und wieviel Raufutter sie zu sich nehmen möchten und bieten daher 24h Heu in allen Haltungsformen – verteilt auf mehrere Stationen. Das hält die Pferde in Bewegung, bietet Abwechslung und sorgt für eine stressfreie, magenschonende Nahrungsaufnahme.

Natürlich gibt es Pferde, die sehr leichtfuttrig, rehegefährdet oder anderweitig gesundheitlich beeinträchtigt sind. In diesen Fällen ist Heu ad libithum ohne Einschränkungen sicher keine Ideallösung (Karolina  von den Pferdefreunden hat sich  in einem eigenen Beitrag ausführlich den Pros und Contras einer 24h Heufütterung gewidmet). Aber auch oder gerade für solche Fälle gibt es Möglichkeiten, die Heufütterung alternativ zu gestalten: Engmaschige Heunetze, zeitgesteuerte Raufen oder Tore, die dann zu gewissen Zeiten unterschiedliche der hier gezeigten Stationen freigeben, bieten auch echten Sorgenkindern unter den Pferden eine willkommene Abwechslung.

Bevor ich nun endlich zur Vorstellung vieler gelungener Fütterungsmöglichkeiten komme, noch ein kurzer Exkurs zum Thema Fresshaltung:

Die natürliche Köisis-koppelrperhaltung eines Pferdes bei der Futteraufnahme ist mit gesenktem Kopf, entspannter Halshaltung und meist der Positionierung der Vorderbeine im Ausfallschritt – nur so erfolgt das Fressen anatomisch korrekt. Beim Grasen auf der Koppel ist diese Fresshaltung gegeben, viele Raufen, Heukisten und -netze ermöglichen diese Position aber nicht oder nur teilweise!

Man sollte bei der Auswahl seiner Heustationen deshalb im Hinterkopf behalten, dass die Mischung zumindest ausgewogen sein sollte und freischwingende, hoch aufgehängte Netze sich zwar als Beschäftigungsanreiz, aber nicht als ausschließliche Nahrungsquelle eignen. Ebenso verhält es sich mit zu engen Netzen, die bei den Tieren Stress verursachen können und somit wieder Magengeschwüre begünstigen.

Wir für unseren Teil bieten Heu sowohl lose vom Boden, aus bodennahen Raufen und Kisten, weit- und engmaschigen Netzen, freischwingend oder fixiert, aus Gitterraufen… eben auf unterschiedlichste Arten an, um den Tieren neben ihrer natürlichen Fresshaltung zumindest wechselnde Positionen zu ermöglichen und so Verspannungen vorzubeugen.

Bilder sagen mehr als Worte. Deshalb möchte ich in der nachfolgenden Ideensammlung die Fotos (weitestgehend) für sich sprechen lassen:

Raufen, Glocken, Durchfressgitter

Zuerst möchte ich Euch verschiedene Raufen-Lösungen zeigen. Ob Fertigmodelle, Eigenbau oder Kombinationen daraus: Die Möglichkeiten sind vielfältig:

Zupf-Varianten

Von klassischen Durchfressgittern abgesehen, werden zunehmend Versionen angeboten und konstruiert, die das Zupfen durch Stäbe hindurch erforderlich machen. Hier kommt es sehr auf das Fressverhalten der Pferde und den Durchmesser der Stäbe an – es können Zahnprobleme drohen, wenn die Gestänge zu fein (z.B. Stahlmattenzäune) und die Abstände zu gering sind! Mit Metallrohren im Abstand von 5 cm haben wir bei uns sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Pferde zupfen ausschließlich mit den Lippen, Zahnprobleme treten bisher nicht auf.

Fressringe und Heukisten

Neben Raufen gibt es auch Fressringe und Heukisten in diversen Variationen. Hier sind der Fantasie beim Tüfteln kaum Grenzen gesetzt und der Markt gibt einige „Fertiglösungen“ her:

Netze und Co.

Viele Pferdebesitzer verwenden außerdem Heunetze, -taschen, -tonnen oder -säcke, die sowohl an der Wand, zwischen Bäumen oder frei schwingend eingesetzt werden können:

„Mobile Heufütterung“

Zu guter Letzt noch ein paar „mobile“ Beispiele, um Heu mal auf andere Art anzubieten –  zur Ergänzung und Beschäftigung:

Hinweis: Die Ball-Variante und das Heukissen sollten meines Erachtens nur unter Aufsicht angeboten werden – mein Vertrauen in das Material wäre nicht groß genug, um ein Pferd damit allein zu lassen. Allerdings habe ich beide noch nicht ausprobiert und wäre neugierig auf einen Versuch…

Wer sich für einige der hier gezeigten Futterstationen interessiert, findet hier der Vollständigkeit halber noch eine Linksammlung zu den verschiedenen genannten Anbietern:

Heunetze von Löwers

Patura Großballenraufe mit Sicherheitsfressgittern

Zeitgesteuerte Powerraufe

Patura Futterring mit 4 Segmenten (teilbar)

Kleine Patura Wandraufe

Hay Bar

Heukiste Heufresser

Hay Play Futterball

GROWI Futterball

GROWI Paddockraufe

GROWI Wandraufe groß

Mammut Freisteher

GROWI Paddocktrog Kunststoff

Heu to Go Heukarussel

Heu Toy

Heu Enjoy

Der Heusack

Harrys Horse Heutasche

Mammut Heukissen

Noch nicht genug 🙂 ?

Bei Klaudia von Two Toned – Dein Pferd in Balance gibt es einen eigenen Beitrag zum Thema Slow Feeder.

Auch Dietmar von Pferdekult – Die ganze Welt der Pferde hat sich mit Futterstationen im Pferdestall befasst.

Alessa Neuner hatte kürzlich die Heutonnen von Eazigrazer im Test.

Und bei Line von Kultreiter geht es um Tipps zur Pferdefütterung allgemein – ein umfassendes Thema mit vielen Aspekten.

 

Jetzt seid Ihr dran:
Welche Arten der Heufütterung bietet Ihr Euren Pferden an? Habt Ihr ergänzende Ideen zu den hier gezeigten Beispielen?

 

 

Im Fohlenfieber

Nachdem ich in meinem letzten Beitrag bereits verraten habe, dass wir dieses Frühjahr Fohlen erwarten, möchte ich diesen Blog nun den plüschigen „Bald-Ankömmlingen“ bei uns im Stall widmen. Ehrlich gesagt, ist das erste Exemplar der Hauptgrund dafür, dass ich solange nicht an den Schreibtisch gekommen bin, denn dieses kleine Wesen raubt mir mittels Schlafmangel (wegen der nächtlichen Kontrollen) und einiger Vorbereitungen im Stall noch den letzten Nerv… Vielleicht bin ich ein wenig überbesorgt, aber das kann man mir beim ersten Nachwuchs hoffentlich verzeihen.

Vorsicht ist besser als Nachsicht

Vor knapp einer Woche wäre eigentlich der errechnete Geburtstermin gewesen und ich sitze bereits wie auf Kohlen. Dabei ist das nichts ungewöhnliches, sagt unser Tierarzt: Gerade junge Stuten und Erstgebärende neigen dazu, bis zu einem Monat(!) zu übertragen. Uff – wenn Johari das noch so lange durchzieht, muss ich danach zur Mutter-Kind-Kur… DANACH ist ein gutes Stichwort. Aber wie genau sehen die GeburtsVORbereitungen in Sachen Haltung eigentlich aus? Zunächst einige Basis-Fakten:

Termine und Untersuchungen

Natürlich beginnt alles mit dem Notieren der Decksprünge, um überhaupt einen Termin errechnen zu können: Knapp 11 Monate (manchmal auch bis zu 12) dauert es von der Bedeckung bis zur Geburt. Nach 18 Tagen ist ein erster Ultraschall zur Bestimmung der Trächtigkeit möglich. Nach 25-30 Tagen ist eine Nachkontrolle zu empfehlen, um eine frühe Resorption des Fohlens auszuschließen. Man sollte unbedingt bedenken, dass es sich hierbei nicht um eine Ultraschall-Untersuchung von außen handelt, sondern eine Rektaluntersuchung, die für die Stute nicht besonders angenehm ist. Um unnötige Sedierungen zu vermeiden, empfiehlt es sich, einen medizinischen Untersuchungsstand für Pferde zu nutzen. Wir haben mit einfachen Mitteln einen solchen gebaut und nun dank der simplen Konstruktion stressfreie Kontrolltermine für Tier und Mensch: links ein Panel, rechts eine stabile Wand, vorn ein Balken in Brusthöhe und an der Rückseite eine alte Stalltür vom Dachboden, die wir mit zwei Riegeln stabilisieren und mit einer Rohrisolation an der Oberseite abpolstern können. Vorn hängen wir (vor dem Brustbalken, seitlich in das Panel) bei den Untersuchungen immer einen Futtereimer ein. Dann ist die Stute beschäftigt und alles gleich halb so wild.

Gesundheitsvorsorge

Während der Trächtigkeit ist – wie natürlich auch bei allen anderen Pferden – auf regelmäßige Impfung (Tetanus(!), Influenza und ggf. Herpes) und Entwurmung zu achten. Die letzte Wurmkur sollte knapp einen Monat bis zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin eingegeben werden (hier scheiden sich die Geister ein wenig). Ziel ist es, dass das Neugeborene mit keinen/möglichst wenig Parasiten in Berührung kommt.
Eine gute Übersicht zu wichtigen Terminen rund um die Trächtigkeit bietet übrigens die neben dem Deckstand abgebildete Drehscheibe zum Ausschneiden (Danke an Silke Göllner fürs Zusenden!)

Die Abfohlbox

Auch wenn sich die tragende Stute bis zur Geburt bewegen darf und soll, muss ihr auch genügend Ruhe ermöglicht werden. Die Gewichtszunahme scheint unserer Johari vor allem in den letzten Wochen ziemlich zu schaffen zu machen. Wir entscheiden uns, sie schon frühzeitig nachts in die Abfohlbox zu bringen und tagsüber weiterhin in ihrer gewohnten Offenstallherde laufen zu lassen. Entscheidender Vorteil: Sie gewöhnt sich an die Umgebung und bildet die passenden Antikörper für den Ort der Geburt UND den Aufenthaltsbereich, in dem sie und ihr Fohlen sich danach gemeinsam mit der Herde aufhalten werden. Der Nachwuchs bekommt diese Antikörper dann über die Kolostralmilch übertragen und erhält so quasi seine erste „Impfung“.

Beim Thema Abfohlbox haben wir uns jede Menge Gedanken gemacht: Groß und hell sollte sie sein, der Boden gut abgepolstert. Die beste Wahl in unserem Fall war eine spezielle 15 Quadratmeter Außenbox mit Schiebetür an der Südseite. Durch die Nähe zum Offenstall haben Johari und ihre Herde von dort aus (im Gegensatz zu unserer Paddockboxengasse) immer Sichtkontakt und sind nur wenige Meter voneinander entfernt. Einige Wochen vor Bezug haben wir die Box mit 4,5cm starkem Gummipflaster ausgelegt und zu 2/3 dick mit Stroh eingestreut. Neben einer Selbsttränke wurde –wie in all unseren Boxen – eine Großraum-Raufe eingebaut, um Heu ad lib sicherzustellen. Die Gitterabstände von knapp 5 cm haben uns aber dazu bewogen, den unteren Teil der Raufe zur Sicherheit zu verkleiden, damit das Fohlen nicht hängenbleiben kann. Auch das Panel an der Frontseite der Box haben wir im unteren Bereich abgedichtet. Letzter Feinschliff: Den Lecksteinhalter so hoch anbringen, dass das Fohlen nicht ran kommt. Es kommt vor, dass die Kleinen so intensiv Salz aufnehmen, dass sie Durchfall bekommen. Gut, wenn sich das vermeiden lässt.

Damit wir jederzeit alles im Blick haben, wurde eine Kamera mit Wlan-Signal installiert: Beim nächtlichen Check reicht somit ein Blick aufs Handy und wir sehen über einen Netzwerk-Stream, was Johari gerade macht. Meistens schlafen…

Nach der Geburt: Zwischenstation und Rotation

So weit so gut. Die Abfohlbox ist bezogen, die Bald-Mama entspannt. Nun heißt es einen Schritt weiter denken: Nach der Geburt sollen Stute und Fohlen natürlich möglichst bald Freilauf erhalten und in ihre Herde integriert werden. Um den beiden aber nach den gemeinsamen Koppelgängen Rückzugsmöglichkeiten zu bieten, beziehen sie eine direkt an den Offenstall angrenzende Doppelbox mit etwa 50 qm Paddock. Die Abfohlbox wird zu diesem Zeitpunkt dann von der nächsten Stute bezogen (unsere Fohlen kommen mit 1-2 Monaten Abstand) und dann rollieren wir das System erneut durch.

Die Zaunanlage: unterschätzte Gefahr?

Was es außerdem zu bedenken gibt: Sind Paddock und Koppeln „fohlensicher“? Unsere Umzäunung ist das mit drei Seilen und Abständen von 50 bis 60 cm eher nicht: Die Fohlen könnten zumindest in der ersten Zeit darunter oder dazwischen durch schlüpfen. Die Seile weisen außerdem keine sonderlich gute Sichtbarkeit auf – die Fohlen nehmen sie vermutlich zu spät wahr. Und: Die Seile schneiden leider relativ schnell ein, sollte ein Pferd sich darin verfangen. Ein Risiko, dass wir minimieren möchten.

Nachdem wir unsere Zäune im vergangenen Jahr komplett mit diesem System erneuert haben, können wir nun nicht wieder alles abreißen und in eine andere Zaunanlage investieren. Wäre das möglich, wäre Hippowire von Patura meine erste Wahl für den Fohlenbereich: Wir haben diesen Pferdesicherheitszaun um den Paddock unseres zweiten Offenstalls. Das Material ist eine Verbindung von stromleitendem Kunststoff mit einem Stahlkern – absolut stabil, gut sichtbar und ohne Verletzungsrisiko durch Schnitte. Die Lebensdauer soll laut Hersteller 10 Jahre betragen. Einziger Nachteil: Eine nicht ganz einfache Installation (ich würde Hilfe über Patura empfehlen) und ein der Qualität entsprechender Preis.

Zaun mit BändernIch entscheide mich beim Fohlenzaun also für einen Kompromiss: Ich entferne das untere Seil unseres bestehenden Zaunes und ziehe stattdessen zwei Reihen Breitband in 20 mm Stärke ein. Das schmale weiße Band mit Streifen in Signal-Orange ist nicht so anfällig gegen Wind und Frost wie oftmals die Ausführung in 40 mm Stärke, bietet aber eine gute Sichtbarkeit und kein Schnittrisiko. Mit dieser Lösung versehen wir zunächst den Paddock unseres Zucht-Offenstalls sowie eine der großen Koppeln. Den gerade entstehenden Trail und weitere Koppelflächen können wir bei Bedarf nachrüsten.

Wir sind also weitestgehend vorbereitet – und gespannt, ob die Fohlen das genau so sehen. Vielleicht kommt Nummer eins ja schon heute Nacht…

Wie es danach weitergeht? Ich werde es hier berichten. Die artgerechte Fohlenaufzucht hält sicher wieder einige Herausforderungen bereit. Bei Bloggerkollegin Nina von Roping my dream gibt es dazu schon einen schönen Beitrag. Wer (noch) kein eigenes Fohlen hat und mit dem Gedanken spielt eines zu kaufen, findet bei Line von Kultreiter eine super Checkliste.

 

Enrichment – Schöner Wohnen für Pferde

In meinem letzten Blog ging es um die Grundbedürfnisse der Pferde als Basis für eine möglichst artgerechte Haltung. Leider haben selbst ambitionierte Pferdemenschen nicht immer die Möglichkeit ihrem Vierbeiner das Optimum zu bieten. Dabei sind es gerade die kleinen Dinge, die uns Stufe für Stufe die Bedürfnispyramide erklimmen lassen – das lehrt uns das Behavioral Enrichment.

Beim Enrichment oder der Verhaltensanreicherung geht es darum, Tieren, die in Gefangenschaft leben, Beschäftigungsanreize zu bieten, die ihre genetischen Anlagen aktivieren. Sind Körper und Geist beschäftigt, bedeutet das nicht nur einen deutlichen Gewinn für die Lebensqualität, sondern wirkt auch Langeweile und Stereotypien entgegen.

Um unseren Vierbeinern also arttypisches Verhalten zu ermöglichen und ihnen Abwechslung zu bieten, fangen wir am besten bei der Nahrungsaufnahme an: Eine 24h gefüllte Heuraufe ist eine gute Basis, um dem Dauerfresser Pferd gerecht zu werden. Zwei Raufen oder mehr, möglichst weit voneinander platziert sind allerdings noch besser. Mit verschiedenen Fressplätzen werden die Tiere zum Pendeln angeregt und mehrmals am Tag von einem Platz zum anderen wandern. Heunetze, Durchfressgitter, frei hängende Heu-Toys, zeitgesteuerte Varianten oder das Verteilen vieler kleiner Portionen an verschiedenen Positionen sorgen außerdem für ein langsameres Tempo bei der Nahrungsaufnahme. Je unterschiedlicher und zahlreicher die Fressplätze, desto abwechslungsreicher gestaltet sich das „Slow Food“ für Pferde. Zusätzlich zum Grundnahrungsmittel Heu kann man – gerade leichtfuttrigen Tieren – auch gutes Stroh als Alternative anbieten, als Alleinfuttermittel wird es jedoch nicht empfohlen. Für die Gabe von Kraftfutter existieren moderne computergesteuerte Lösungen, die mehrmals am Tag kleine Mengen abgeben und die Pferde so immer wieder zum Besuch der Stationen anregen. Auch Lecksteine können als Bewegungsanreiz an verschiedenen Stellen platziert werden und durch clevere Aufhängung oder Einbettung in das natürliche Umfeld zum spannenden Zeitvertreib werden: Baumstämme, Steinhaufen oder -Türme, bei denen man den Inhalt erst entdecken muss, sind letztlich viel interessanter als konventionelle Lösungen mit Wandhalterungen.

Was immer wieder vergessen wird: Pferde zogen ursprünglich nicht nur durch karge Steppenlandschaften, sondern waren mitunter auch in Wäldern heimisch. Gewachsene Baumgruppen mit unempfindlichen Altbeständen von Obstgehölzen, Birken, Weiden, Haselnusssträuchern… bieten deshalb auch unseren domestizierten Tieren eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan. Selbst wenn man den Genuss von Hölzern „direkt vom Baum“ auf den Weide- oder Paddockflächen nicht immer bieten kann, hat man mit der Gestaltung von Totholzhecken (also z.B.. der Anhäufung von Baumschnitt zwischen eingeschlagenen Pfosten) oder einzelnen Knabberästen die Möglichkeit, seinen Pferden ein Stück ihrer Natur zurück zu geben.

Ähnlich verhält es sich mit Möglichkeiten zur Fellpflege: Baumstämme sind ideale Schubberplätze. Ohne nutzbaren Baumbestand bieten an betonierten, stabilen Pfosten befestigte Bürsten oder Gumminoppen eine Alternative, die gern angenommen wird. Zum Wälzen ist ein weicher Sandboden das Optimum und kann insbesondere bei strategisch kluger Platzierung ebenfalls als Enrichment betrachtet werden.

Apropos Platzierung: Beim Wasser scheiden sich die Geister ein wenig. Ein Stück weit von den Futterstellen entfernt kann es durchaus als Bewegungsanreiz eingesetzt werden. Einen Weg von etwa 100 Metern sehen die meisten Experten als angemessen an, von deutlich längeren Wegen wird hingegen abgeraten – es kommt vor, dass die Tiere dann nicht genügend trinken.

Insgesamt ist ein ausgeklügeltes Wegenetz, das mehrere Futterstationen, Wasser, überdachten Liegebereich, Wälzplatz und mögliche weitere Elemente des Behavioral Enrichments miteinander verbindet wohl das Optimum der modernen Pferdehaltung. Beim Konzept des aus den USA stammenden „Paddock Trail“ ist sozusagen der Weg das Ziel. Natürliche Hindernisse wie beispielsweise Baumstämme, Kletterhügel sowie unterschiedliche Untergründe sorgen hierbei ebenso für Abwechslung wie der Track selbst, der etwa durch Ein-Wege-Tore oder alternative Streckenabschnitte deutlich reizvoller für die Pferde ist, als ein rechteckiger Auslauf. Durchaus erstrebenswert…

 

Auch wenn ich zu 100% hinter der Idee des Paddock Trail stehe und das Konzept zentrales Element unserer Philosophie ist, bin ich nicht der Meinung, dass Pferde in anderen Haltungsformen ganz ohne Enrichment auskommen müssen. Denn auch auf konventionellen Offenstall-Paddocks und ja sogar für Boxenpferde lassen sich Bereicherungen schaffen. Bei uns am Birkenhof Wölling bieten wir der Boxengruppe im Winter beispielsweise zwei Heuboxen zwischen denen sie auf dem knapp 90 Meter langen Paddock pendeln können. Künftig wird ein Heu-Karussel ein zusätzliches Enrichment bieten und langsames Fressen bei langsamer Fortbewegung ermöglichen. Im Sommer führt ein Trail die Tiere zu den großen Koppeln und bei Bedarf zurück zu Tränke und Heuboxen auf dem Paddock.

Selbst in den Paddockboxen versuchen wir durch Trennung der Funktionsbereiche (Wasser und Liegeplatz innen, Heuraufe außen) für ein Mindestmaß an Bewegung zu sorgen. Gerade haben wir den außergewöhnlichen Fall, dass einer unserer Bewohner, der liebe Athos, für einige Wochen Boxenruhe benötigt, nachdem er eine OP hinter sich hat. Neben der großen Gitterraufe bekommt er zur Abwechslung mal eine Portion loses Heu, mal ein engmaschiges Netz, mal eines mit weiten Maschen. Ab und zu hängen wir ihn ein mit Karotten und Heu bestücktes Körbchen in die Box, bei dem er sich ganz schön anstrengen muss, um an die Leckereien zu kommen. Von Frauchen hat er außerdem einen Spielball und einen Plastik-Kanister zur Beschäftigung bekommen und einmal am Tag gibt es frisches Knabberholz. Bisher hat er einen Kratz-Besen auf dem Einzelpaddock zur Verfügung. Nachdem er aber eine eigene Lieblings-Schubberstelle im Türrahmen gefunden hat, bekommt er dort nun zusätzlich Bürsten oder Gumminoppen angebracht.

Denn auch wenn Athos natürlich lieber mit den anderen raus gehen würde, versuchen wir ihm den Krankenstand so angenehm wie möglich zu machen. Wenn er wieder ganz gesund wird, darf er im Frühling in den Bewegungsstall einziehen. Und dort wird sich wie am gesamten Hof 2016 noch einiges tun… Weil Enrichment uns genau so viel Freude bereitet wie unseren Vierbeinern!