Einsam war gestern: Hengsthaltung heute

Hengste sind einsam, heißt es. Zumindest außerhalb der freien Natur. Man hält sie in sicheren Boxen, Freilauf gibt es in der Halle. Koppelgang riskiert man besser nicht – sie könnten ausbrechen. Und Gruppenhaltung ist sowieso unmöglich, Hengste sind schließlich unberechenbar…

Leider halten sich Gerüchte wie diese noch immer hartnäckig und dem „bösen Hengst“ wird so manches Übel nachgesagt. Dabei sind auch sie einfach nur Pferde und mit ein wenig Sachverstand kann man ihnen durchaus ein artgerechtes Leben bieten. Auch wenn unser Nasir mittlerweile Wallach ist und wir derzeit keine Hengsthaltung bei uns am Hof haben, liegt mir dieses Thema nach wie vor sehr am Herzen und ich möchte zum Einen gern unsere Erfahrungen zum Thema festhalten und zum Anderen anhand einer aktuellen Umfrage zeigen, wie unterschiedlich und artgerecht Hengste heute leben (können).

Unsere Vorgeschichte

Auf den Hengst gekommen sind wir im Frühjahr 2011. Unser damaliger Hof hatte gerade einen Offenstall als „Männer WG“ fertiggestellt. Ein erwachsener Wallach sollte dort mit drei Junghengsten leben. Und wir ergatterten den letzten freien Platz als Einsteller! Eine bessere Aufzucht hätten wir uns für unseren jungen Vollblutaraber Nasir kaum wünschen können: Gleichaltrige zum Spielen, ein „Erziehungsberechtigter“, der für Ordnung sorgt, ein kleiner Paddock, Unterstand, Fressständer, ein Mini-Wäldchen mit Hanglage und oberhalb schöne große Koppeln. Eigentlich perfekt.

Leider wurden die Jungs aber älter und zwischen Nasir und einem der anderen Hengste gab es zunehmend Reibereien und Rangkämpfe. Mal waren es nur Schrammen, ab und an aber auch ernsthaftere Verletzungen. So schwer es uns fiel, blieb nur die Überlegung, unseren 4-Jährigen bald legen zu lassen oder uns nach einer Alternative umzusehen. Wir zogen mehrere Varianten in Betracht und entschieden uns schließlich für eine Haltung in Eigenregie. Anfangs war ein Stall für vier Pferde geplant, ausschließlich für eigene. Aber wie es das Schicksal wollte, hatten wir plötzlich einen Hof mit Pensionsbetrieb zur Pacht. Damit das mit Hengst funktionierte (die Vorurteile potentieller Einsteller waren anfangs groß), bauten wir kräftig um und Nasir bekam eine stabil umzäunte, extra große Paddockbox mit einer guten Übersicht, angrenzenden Koppeln, einen hohen Zaun mit vier Litzen, ein eigenes Stromgerät mit 10.000 Volt… Direkt nebendran, mit einem knappen Meter Sicherheitsabstand, „seine“ Stuten. Aus unserem Fohlen war mittlerweile ein recht ansehnlicher junger Mann geworden, den wir beim Zuchtverband bewerten und eintragen ließen. Einen Winter über blieb er in Einzelhaltung mit Sichtkontakt zu den anderen Pferden. Er schien zufrieden – aber doch einsam.

Wir überlegten lange, ob wir ihn mit einem bei uns eingestellten Wallach zusammen halten sollten, oder doch den Versuch wagen, ihn mit den von ihm gedeckten Stuten auf die Koppel zu schicken. Zwischen ihm und unserer Johari „knisterte“ es seit dem ersten Tag. Nach dem Decken an der Hand schmusten die beiden intensiv. Wir entschieden uns, es zu versuchen. Mit Erfolg: Nach wenigen Tagen war nicht nur Ruhe eingekehrt. Johari begann auch, Nasir zu erziehen und schon bald war sie ganz klar die Chefin. Wir konnten sie problemlos zu ihm bringen und wieder abholen, wenn die beiden abends in ihre (nebeneinander liegenden) Boxen gingen.

Der Gedanke, sie im Frühjahr, nach Geburt des Fohlens, dauerhaft zu trennen, brach uns fast das Herz. Da wir nicht erneut mit Nasir decken wollten, entschieden wir uns letzten Herbst schließlich doch für eine Kastration. Nun lebt unser „Halbmann“ mit seiner Johari und zwei weiteren Stuten in einem kleinen Offenstall am Haus. Über den Sommer kommen insgesamt drei Fohlen zu der kleinen Herde dazu – zwei davon sind von Nasir. Mit knapp 6 Jahren darf er nun in die Rolle des Erziehungsberechtigten schlüpfen.

Untrennbar: Haltung und Verhalten

Wie eingangs erwähnt: Hengste sind auch nur Pferde. Das soll jedoch nicht heißen, dass man sie unterschätzen sollte! Sie fordern den Menschen deutlich mehr, als Wallach oder Stute und man muss viel Zeit in dieses atemberaubende Individuum investieren. Die typischen „Hengstmanieren“ kommen früher oder später zutage und es braucht Konsequenz, Fairness und Erziehung, um sie weitestgehend einzudämmen. Man sollte dabei unbedingt berücksichtigen, dass die natürlichen Verhaltensweisen und der Hormonhaushalt eng mit der Haltungsform von Hengsten verknüpft sind. Und gerade das Unwissen um diese Zusammenhänge belastet den Ruf der edlen Tiere leider immer noch ungemein.

Ein einfaches Beispiel: Ein teurer Hengst im Deckeinsatz. Haltung in der Außenbox, kein Koppelgang, kein Kontakt zu anderen Pferden. Er verlässt sein Gefängnis ausschließlich für den Gang zum Deckstand oder für das Schautraining. Geritten wird er nicht. Seinen Bedürfnissen, nach Luft, Licht, und Bewegung wird kaum Rechnung getragen, der Sozialkontakt ist minimiert und der Fortpflanzungstrieb nimmt neben einer stetig wachsenden Dominanz eine zentrale Rolle in seinem Leben ein. Beim Decken lässt er sich kaum noch handeln, die Klappe seiner Außenbox wird nun immer häufiger einfach geschlossen, weil er sich lautstark bemerkbar macht und seinen Unmut zum Ausdruck bringt. Das Betreten der Box wird für das Stallpersonal direkt gefährlich. Und das Tier Hengst entspricht mehr und mehr dem schlechten Bild, das viele ohnehin von ihm haben. Schade nur, dass seine Lebensumstände bei diesen (nun erfüllten) Vorurteilen keinerlei Berücksichtigung finden…

Hengsthaltung heute – eine Umfrage

Umso schöner erscheint das Ergebnis einer kleinen Umfrage, die ich vor knapp vier Wochen in einer Facebookgruppe für Hengsthalter (Hengste – Gruppe für Hengsthalter, aktuell 1626 Mitglieder) gestartet habe. Ich wollte wissen, wie es den Freizeit-, Sport- und/oder Zuchthengsten in Sachen Haltung ergeht. Natürlich setze ich voraus, dass sich dort vorwiegend diejenigen tummeln und austauschen, denen –anders als in meinem Beispiel – ein artgerechtes Leben ihres temperamentvollen Vierbeiners am Herzen liegt. Man kann also eher nicht von einem wirklich repräsentativen Ergebnis sprechen. Dennoch finde ich, dass bei knapp 100 Teilnehmern(!) ein gewisser Spiegel der Realität geliefert wird. Und die sieht in meinen Augen gar nicht mal so schlecht aus:

Gut 50 Prozent der Teilnehmer gaben an, ihre Hengste gemeinsam mit andere Hengsten oder Wallachen in der Herde zu halten. Insbesondere das Modell „Junggesellengruppe“ funktioniert prima – wie auch in der Natur. Einige Umfrageteilnehmer berichteten jedoch sogar von Herdenkonstellationen mit mehreren Althengsten, die problemlos funktionieren, bei einer Teilnehmerin laufen sogar Hengste, Stuten und Wallache gemeinsam. Was mich besonders freut: 16 Prozent ermöglichen ihren Hengsten ein gemeinsames Leben mit Stuten oder sogar Stuten und Fohlen – eine Haltung, die einem Familienverband in freier Wildbahn sehr nahe kommt.

Beinahe 70 Prozent des Umfrageergebnisses entfallen auf Gruppenhaltung, 10 Prozent auf Einzelhaltung mit Gruppenauslauf. Nur bei knapp 22 Prozent der Teilnehmer werden die Hengste einzeln mit separatem Paddock/Koppel gehalten, viele davon aber mit Schnupperkontakt zu Wallachen oder Stuten. Die Gründe dafür sind ganz unterschiedlich.

Individuell anders

Gerade mit Junghengsten erscheint vieles zunächst noch einfach. Die Situation kann sich mit zunehmendem Alter aber schnell ändern. Wechselnde Umstände sollte man deshalb gut bedenken. So wie diese Teilnehmerin:

„Mein Hengst steht 24h mit einem Wallach im Offenstall zusammen, dieser ist so angelegt dass sobald sich zwischen den beiden Kumpels was ändern sollte, die beiden auch nebeneinander gehalten werden können.“

Eine weitere Umfrageteilnehmerin schreibt in den Kommentaren:

„Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass einige Hengste sich ab dem 3. Jahr oder ab Deckeinsatz unverträglich zeigen. Einige unserer Hengste stehen daher auch auf jeweils eigenen Weiden/Außenboxen.“ (editiert)

Alter und Einsatz der Tiere sind natürlich immer zu berücksichtigen, ebenso wie die individuellen Umstände. Eine Umfrageteilnehmerin klagt:

„Ich hätte auch lieber eine andere Haltung, ist nur leider im Pensionsstall nicht möglich. Er hat aber wenigstens Kontakt zu Artgenossen.“

Natürlich ist nicht immer alles möglich. Aber selbst im fortgeschrittenen Alter scheint es nicht zu spät für Veränderungen:

„Unser 19-jähriger Hannoveraner Deckhengst Dantes hat eine Nachtbox, tagsüber ist er mit den zwei älteren Stuten draußen auf der Weide. Da er erst seit 3 Jahren bei uns steht, ist es schwierig gegen seine langjährige Einzelhaft anzukämpfen. Aber mit der jetzigen Lösung ist er voll happy, das ist das wichtigste!“ (editiert)

Eine Züchterin schreibt:

„Da wir fünf gekörte Deckhengste haben und drei Junghengste, halten wir die Herren dem Alter entsprechend unterschiedlich. In der Hengstherde im Offenstall. Zusammen mit Wallachen. In der Deckzeit separiert nur mit Stuten.“ (editiert)

In einem späteren Post ergänzt sie:

„Je älter der ganze Kerl, umso höher meist das Dominanz- und Triebverhalten. Diese älteren Herren stelle ich neben den Stuten nicht mehr zusammen. Das ist nicht endender Stress für die gesamte Gruppe. Der alte Herr steht gern mit Wallachen. In der Herde der Stuten noch lieber. Zufrieden ist er aber auch statt nur mit den gedeckten Stuten direkt neben allen Stuten für sich allein. In der Zeit von Mai bis September duldet er bei den Stuten keinen Mann neben sich. Und so ist jeder Hengst hier individuell anders.“

Individuell anders – treffender könnte man es kaum beschreiben. Denn letztlich sollten wir jedem Hengst, wie jedem anderen Pferd auch, die Haltung ermöglichen, mit der er sich am wohlsten fühlt und die im eigenen Umfeld auch funktioniert.

Ich persönlich denke, man sollte seine Möglichkeiten immer bestmöglich ausschöpfen, auf wechselnde Umstände vorbereitet sein und Dinge auch mal einfach ausprobieren. Ganz besonders im eigenen Stall. Manchmal bereue ich es ein wenig, dass wir die Hengsthaltung aufgegeben haben. Irgendwie vermisse ich die maskuline Imposanz. Zum Glück hat Nasir sein typisches „Hengst-Brummeln“ nicht ganz abgelegt. Und wer weiß, ob wir nicht bald über eine Junghengstaufzucht nachdenken müssen…