Mythos Zugluft

Ich habe lange überlegt, mit welchem Thema ich meinen ersten Blog beginnen soll. Ich starte am besten tatsächlich mit dem Anfang: Als wir unseren Hof übernommen haben, wurde zuerst ein bestehender Stalltrakt zu fünf Paddockboxen umgebaut. Neben unseren eigenen Pferden wollten wir dort bereits die ersten Einsteller aufnehmen und bald schon kamen Interessenten zur Besichtigung. Ich weiß noch, wie stolz ich war auf die offene Gestaltung mit viel Luft und Licht, die Südausrichtung und die Möglichkeit für die Pferde auch nach den ausgiebigen Koppelgängen jederzeit selbst zu entscheiden, wann sie sich draußen aufhalten möchten.

An einen Offenstall war für uns zu derzeit noch nicht zu denken – unser Nasir war noch Hengst, es war Winter und vor dem Frühjahr konnten wir ihn nicht mit seinen Stuten gemeinsam halten. Denn dann hätte er sie zu früh gedeckt und die Fohlen würden in der kalten Jahreshälfte geboren werden. Daher waren die angrenzenden Boxen mit Sichtkontakt und „Sicherheitsabstand“ zu der Zeit optimal – über unsere Hengsthaltung werde ich in einem späteren Beitrag noch berichten.

Aber zunächst zurück zu unseren Paddockboxen: Da standen sie also – ohne Türen, Streifenvorhänge oder ähnliches. Genau so wie ich es mir gewünscht hatte. Bei den ersten Interessenten hielt sich  die Begeisterung jedoch in Grenzen. Die Boxengröße, das dicke „Strohnest“, die beheizten Tränken und die Paddocks an sich kamen gut an. Allerdings fanden sie den Stall insgesamt zu „zugig“. Ihre Pferde waren bisher in Innenboxen untergebracht und man müsse doch dafür sorgen, dass man bei schlechtem Wetter rundum Türen schließen kann. Mit rundum war die Stallgasse UND der Zugang zum Paddock gemeint. Einen Unterschied zwischen (erwünschter) Luftbewegung und Zugluft schien die Dame nicht zu kennen – denn genau darauf ist dieser Stalltrakt ausgelegt.

Im Grunde zählt die Luft zu den wichtigsten Faktoren für das Stallklima: Sie soll in Bewegung sein (über 0,2m/s), eine angemessene Feuchte (von 60 bis 80%) aufweisen, ihre Temperatur im Innenraum soll der Außentemperatur folgen, sie soll nach Möglichkeit keine Schadgase enthalten und staubfrei sein. Um dies zu erreichen, ist eine offene Raumgestaltung sehr förderlich. Dank ihr kann die Luft im Stall (zwischen Gasse und Boxen, aber auch den Boxen untereinander) zirkulieren und sich im Idealfall mit der Außenluft austauschen. Schadgase haben da in Verbindung mit einer guten Stallhygiene kaum eine Chance. Selbst Staub ist durch den hohen Gehalt an frischer Außenluft nur sehr gering konzentriert: Gerade mal 150 zu 700.000(!) Partikeln in schlechter Stallluft im Innenraum sprechen für sich. Und das ist vor allem für die sensiblen Atemorgane der Pferde spürbar. Die Angst vor Zug jedoch ist in diesem Fall völlig unbegründet – denn mit flächiger Luftbewegung hat das im Grunde nichts zu tun.

Wenn man noch etwas ins Detail geht, liegt nahe, dass eine offene Form der Paddockboxenhaltung (ebenso wie die Offenstall- oder Robusthaltung) sogar die gesunde, natürliche Thermoregulation beim Pferd anregt: Denn Temperaturschwankungen und jegliche Formen der Witterung, die auf Fell und Haut auftreffen, bringen den Organismus dazu, seinen Wärmehaushalt anzupassen. Wind und Wetter stellen somit (in der Regel) für die Tiere  keinerlei Probleme dar.

Die gefürchtete Zugluft hingegen, kann durchaus ein Risiko sein und beispielsweise Muskelverspannungen hervorrufen. Dabei handelt es sich um einen Luftstrom, der kälter und schneller ist als seine Umgebung und der nicht flächig, sondern nur auf einzelne Partien des Körpers auftrifft. Ursache kann beispielsweise eine kleine Öffnung, wie etwa ein Spalt oder ein kaputtes Fenster in einer Innenbox sein. Insbesondere wenn die Fläche sehr gering ist, auf der die Zugluft auftrifft, kann die Thermoregulation nicht aktiviert werden. Zum Glück ist dies eher unwahrscheinlich bei dieser Form von Stall…

Wenn ich mir nach gut einem Jahr unsere Pferde in der Gasse so ansehe, glaube ich, wir haben alles richtig gemacht mit diesem Konzept: offen, hell, freier Himmel und das tolle Gefühl zu wissen, dass die Tiere bei jedem Wetter selbst entscheiden, ob sie ihre Nüstern in die Sonne oder ihren Hintern in den Wind halten möchten.

(Quelle zu den Zahlen im Absatz zum Thema Stallluft: Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten; Foto: Eva Stockmann)